Jurypreis Schreibaktion 2025
Im Rahmen der Schreibaktion „schriftlos heißt nicht sprachlos“ zum Thema „Meisterstücke“ entstanden auch 2025 wieder beeindruckende und teilweise ergreifende Texte von Lernenden aus Basisbildungskursen. Sie zeigen eindrucksvoll, dass wahre Meisterstücke oft in persönlichen Erfahrungen, im Überwinden von Herausforderungen und im mutigen Neuanfang liegen und auf jeden Fall für jede und jeden etwas anderes bedeuten können.
Aus den zahlreichen eingesandten Texten wurde diesmal einer durch einen Juryentscheid gewürdigt. Der Jury gehörten Anke Grotlüschen (Universität Hamburg), Doris Wyskitensky (BMFWF), Dennis Walter (bifeb) und Karl Sibelius (Kultur, Schauspiel) an. Ein herzliches Dankeschön an die Jurymitglieder für ihre Expertise und ihr Engagement.
Der Jurypreis ging an den Beitrag „Meine zwei Leben“ von einer Teilnehmerin aus dem Basisbildungsangebot von ALOM – Verein für Arbeit und Lernen Oberes Mühlviertel in Rohrbach. Die Jury würdigte besonders die Aktualität, gesellschaftliche Relevanz und die berührende, reflektierte Darstellung. Ein Text, der Mut macht und zeigt, dass jeder Neubeginn ein persönliches Meisterstück sein kann. Wir gratulieren der Autorin sehr herzlich!
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Meine zwei Leben
Am 24.Februar 2022 ist mein Leben in zwei Hälften zerbrochen. Die eine Hälfte heißt “Vorher”. Die andere Hälfte heißt “Nachher”. In einer Hälfte sind meine Freunde, meine Liebe, meine Seelenruhe, meine Arbeit, mein Haus, mein Lieblingsgarten und mein Hund geblieben.
In der anderen Hälfte kamen Schmerz, Angst, Verzweiflung, Hass, Kälte, Dunkelheit und Explosionen. Ich war wie zwischen dem Himmel und der Hölle. Ich kann keine Antwort auf die Frage “Warum?” finden.
Warum ist das passiert? ‚
Warum passiert das in der Welt und in meinem Leben?
In mein Leben ist der Krieg gekommen…
Am 27. April 2022 kam ich nach Österreich. Eine gastfreundliche Familie hat mich in Grünwald aufgenommen. Weil ich nichts hatte, haben die Nachbarn Kleidung, Schuhe und Essen gebracht. Eine Frau hat mir ein Fahrrad geschenkt. Eine andere Familie hat für mich eine Arbeit gefunden.
Meine Freundinnen und ich erhielten finanzielle Unterstützung und eine Krankenversicherung vom Staat. Ich hatte auch die Möglichkeit, in Kursen Deutsch zu lernen.
Ich habe mich beschützt und unterstützt gefühlt.
So begann die lange Zeit meiner Erholung. Ich bin lange Zeit im Wald spazieren gegangen. Ich genoss die Stille und das Zwitschern der Vögel. Ich habe Rehe, Eichhörnchen und Hasen beobachtet.
Ich wollte wieder lachen und ein Bild malen.
Ich bin meinen Freunden aus Grünwald und Aigen sehr dankbar.
Letzten Sommer wollte ich nach Rohrbach ziehen. Ich wollte mehr mit Menschen kommunizieren, mehr arbeiten. Außerdem wollte ich einfach nützlichen sein.
Ich arbeite jetzt viele Stunden und kann mein Leben selbständig finanzieren.
Außerdem lerne ich weiter Deutsch.
Ich weiß nicht, was in der Zukunft passiert. Aber ich habe keine Angst, keinen Hass und keine Kälte mehr.
Die Dunkelheit wich dem Licht.
Ich gehe mutig in die Zukunft.
Ich bin stolz auf alles, was ich geschafft habe. Das ist ein wahres Meisterstück!
Valentyna Maksymenko
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